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Streaming in Finnland - Ein steter Strom

Die Finnen umarmten die neue Streamingtechnologie früher als manch anderes Land.

Wie fast der gesamte Norden Europas hat auch Finnland sehr früh erkannt, dass Musikhören für viele Menschen eben nicht mehr das Drehen am Radioknopf, das Sortieren der Plattensammlung oder das Sicherheitsspeichern der Mp-3-Galerie bedeutet. Die Finnen umarmten die neue Streamingtechnologie sogar früher als manch anderes Land. Während Deutschland zum Beispiel erst 2012 zur Spotify-Familie hinzustieß, setzte das schwedische Start-up von Anfang an auf die technikversierten Nachbarn und nahm Finnland im Oktober 2008 in die erste Launch-Runde auf. Im Oktober 2010 folgte dann der nächste Schritt, der die gelernte Art des Musikhörens in Frage stellte: Dank einer Kooperation mit TeliaSonera in Schweden und Finnland öffnete man sich der Erkenntnis, das ein mit dem Internet verbundener Fernseher für viele Menschen zu einem zentralen Medium geworden ist. Auch dafür brauchte man hierzulande ein wenig länger.

Die Anfangsjahre von Spotify in Finnland waren dann auch eher ein Raketenstart als ein normaler Launch. 2008 und 2009 verzeichnete die finnische Streaming-Branche ein Wachstum von 1667,20%. Eine beeindruckende Zahl, die bei all der Kritik, die vor allem das Freemium-Angebot von Spotify abbekommt, deutlich macht, warum es das nämlich genauso geben musste: Freies Streaming killte zu großen Teilen das gesellschaftlich etablierte illegale Downloaden oder Filesharen von Musik. Fraglich, ob das mit einem lediglich kostenpflichtigen Angebot auch so gut funktioniert hätte.

Musikhören in Finnland ist also immer mehr ein steter Strom. Laut der letzten offiziellen Erhebung der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) – dem IFPI Digital Music Report 2015 – machen Streamings 75 Prozent aller digitalen Einkünfte im Musikbereich aus, lediglich 11 Prozent fallen dabei auf klassische Downloads. Anders als in Deutschland fließen diese Zahlen auch in die Erhebungen der Singles- und Albencharts ein. 

Der finnische Streamingmarkt ist dabei durchaus vergleichbar mit anderen europäischen Ländern: Wenige lokale oder nur in manchen Ländern aktive Anbieter existieren neben den großen Playern wie Google Play, iTunes Music und eben Spotify. In Finnland ist es vor allem MixRadio, die sich erstaunlich gut im Gehege der Streaming-Riesen halten können. Die Existenz des Anbieters mit finnischen Wurzeln ist dabei vor allem auf eine finnische Firma zurückzuführen, die wohl jeder kennt: Nokia. Zunächst war die nur auf Downloads ausgelegte Software lediglich mit einen Nokia-Gerät und –Konto möglich. 2012 wurde der Service auf Streaming ausgelegt und umbenannte in Nokia MixRadio. Nach der Abspaltung diverser Geschäftsbereiche bei Nokia ist der Service nun nach aktuellstem Stand ein selbstständiges Unternehmen mit Sitz in Bristol und finnischer Unternehmensführung, das zum japanischen LINE-Konzern gehört. 


Wie fast überall geht mit dem Siegeszug des Musikstreamings auch in Finnland eine Diskussion einher, ob das System wirklich fair ist. In Deutschland gibt es ja – meist kommerziell höchst erfolgreiche – Acts wie Die Ärzte oder Die Toten Hosen, die sich dem System komplett verweigern oder erst nach mehreren Jahren öffnen, wie im Falle von Rammstein. Ähnlich „große“ Fälle gibt es zwar in Finnland nicht, dort sorgte aber ein Blogeintrag des erfolgreichen Songwriters Anssi Kela für Diskussionsstoff: Ende 2013 rechnete er hier detailliert vor, wie hoch die Royaltyzahlungen für seinen bis dato größten Hit Levoton tyttö waren. Über den Zeitraum von März 2013 bis Juni 2013 wurde das Lied 1.058.313 gestreamt, zum absoluten Großteil über Spotify. Dafür hat er nach Abzug der Anteile vom Label und vom Publisher u. a. 2.336,90 erhalten. Anssi Kela recherchierte daraufhin gründlich und erfuhr, dass seine Anteile pro Stream bei Premium-Nutzern von Spotify zehn mal höher ausfallen als bei Nutzern des Gratis-Angebots. Seine Empfehlung – die er ausdrücklich als sehr zufriedener Spotify-Kunde und –User ausspricht: Der Anteil der zahlenden Nutzern müsste stark erhöht werden, weil das jetzige System nicht genug Geld für die Künstler generiert. 

Hier könnte die Realität Kela jedoch einen Strich durch die Rechnung machen. Zwar gibt es wenig stichhaltige Erhebungen und Zahlen, aber immerhin gibt es den im November letzten Jahres veröffentlichten Polaris Nordic Digital Music Survey 2015, der interessante Einblicke über die Einstellung der Streaming-User gibt. Die Firmen Teosto (Finnland), Tono (Norwegen) und Koda (Dänemark) befragten darin 3.600 Probanden im Alter von 12 bis 65 Jahren in Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland über ihre digitale Musiknutzung. Hier zeigte sich, dass gerade die Finnen das Gratis-Angebot mehr schätzen, als die anderen nordischen Länder: lediglich 14% der finnischen Befragten gaben an, in den letzten 12 Monaten zahlungspflichtige Angebote für digitale Musik genutzt zu haben. In Schweden (27%) und Norwegen (30%) ist diese Zahl sehr viel höher. Allerdings – wie so oft bei Erhebungen dieser Art – bleibt fraglich, wie repräsentativ dieses Zahlen nun gelesen werden sollten. 

Letztlich dürfte auch unter den finnischen Künstlern und Kunden klar sein, dass vor allem mehr Transparenz auf dem Streaming-Markt gefordert sein muss, damit man sieht, wo das Geld denn wirklich landet -  beim Anbieter, beim Label, beim Publisher oder eben beim Musiker, der eigentlich am meisten davon verdient hätte? Und dass man sich selbst als Musikhörer mit schmalem Budget eine Investition von rund zehn Euro für über 30 Millionen Songs leisten kann. Früher gab es dafür ja gerade mal eine CD. Oder eine Packung CD-Rohlinge. 

Daniel Koch ist seit Frühjahr 2014 Chefredakteur des INTRO Magazins und selbst äußerst zufriedener, zahlender Streaming Kunde. Seitdem es diese Angebote gibt, braucht er nämlich endlich nicht mehr diese blöden CDs kaufen. Für unterwegs zieht er sich zum Vorhören die Dateien aufs Smartphone und kauft sich anschließend die Alben, die ihm gefallen haben auf Vinyl. 
Redaktionelle Mitarbeit und Recherche: Jan-Henrik Stecker



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