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Metal aus Finnland

Authentisch Achtziger

Schon Mitte der Neunziger sorgte eine frisch erblühende finnische Metal-Szene für internationales Aufhorchen: Apocalyptica erfanden Metallica für das Cello neu. Nightwish kombinierten Klassik und harte Gitarren zu Metal-Sinfonien. Und während Children Of Bodom auf Flitzefinger-Soli und Melodic Death Metal setzten, predigten Bands wie Stratovarius oder Sonata Arctica die hymnischen Schlachtrufe des Power Metal. Mehr als eine Dekade später dominiert nun der Blick zurück. Anstatt Metal mit Hardcore oder elektronischen Elementen einer Modernisierungsmaßnahme zu unterziehen (wie es das Gros des harten Nachwuchses aus England und den USA seit längerem tut), kristallisiert sich in Finnland seit einigen Jahren eine neue Generation heraus, die aus ihrer Liebe für die beiden dominanten Metal-Sounds der Achtziger – Hair Metal und Thrash/Speed-Metal -  sowie deren Kleiderordnung keinen Hehl macht.

Die Glam-Metaller Reckless Love aus Kuopio können davon sogar wortwörtlich ein Lied singen. Ihr Stück I Love Heavy Metal vom Album Spirit (2013) setzt sich nicht nur nahezu ausschließlich aus Songzitaten der größten Hair Metal-Hits zusammen, sondern nennt genauso alle alten Helden von AC/DC bis Van Halen ehrfurchtsvoll beim Namen. Zudem ist Sänger Olli Herman mit blonder Mähne und durchtrainiertem Oberbau mit einer körperlichen Anziehungskraft auf das weibliche Publikum gesegnet, die einen jungen David Lee Roth oder Vince Neil gleicht.




Glamourös, aber auch eine Spur Gossen-gefährlicher, geht es bei Santa Cruz zu. Dass das Quartett mit Sitz in Helsinki an Skid Row (mit denen sie auch schon tourten) und Guns N’ Roses einen Narren gefressen hat, ist unüberhörbar. Die Fähigkeit von Sänger/Gitarrist Arttu „Archie“ Kuosmanen sich mit Gitarrist Joonas „Johnny“ Parkkonen die Breitbein-Solo-Bälle zuzuspielen wird nur noch von ihrem Gespür für höchst eingängige Sleaze-Hymnen übertroffen. Zu den jüngsten Vertretern und einer ähnlichen Schule zählen schließlich Shiraz Lane aus Vantaa. Während die Band erfolgreich mit Einflüssen von Aerosmith bis Ratt kokettiert, beherrscht Sänger Hannes Kett auch den sirenenhaften Axl- Rose-Gesang mit stimmlichem Schneid. Denkt man etwas genauer über die Ursprünge jener neuen Glam- und Sleaze-Generation aus Suomi nach, rückt einem auch ein nicht ganz unwesentliches Detail zurück ins Gedächtnis. So waren es einst schließlich die Finnen von Hanoi Rocks, die von den großen Guns N’ Roses als maßgebliche Inspiration so geschätzt wurden. Insofern schließt sich, gut dreißig Jahre später, hiermit tatsächlich ein Kreis.




Andere Dinge hingegen ändern sich. Denn auch wenn die Achtziger die große gemeinsame Schnittmenge bildet, ist die andere aktuell zu beobachtende Metal-Strömung aus Finnland der Speed-/Thrash-Fraktion zuzuordnen. Waren jene und die erwähnte Hair-Metal-Abteilung in ihrer damaligen Blütezeit zwei völlig verfeindete und unvereinbare Lager, existieren sie in Finnland heute friedlich nebeneinander. Optisch weniger bunt, aber genauso Retro-stilecht dem Kleidungs-Kodex aus schwarzen Stretch-Jeans und weißen Allround-Turnschuhen gehorchend, geht es in dieser musikalischen Ecke mehr um Härte und Geschwindigkeit. So ist bei Speedtrap aus Lappeenranta der Name eindeutig Programm. Zu hechelnden Drums liefern sich die Gitarristen Ville Valavuo und Jaakko Hietakangas behände Griffbrettwettläufe und lassen genauso Erinnerungen an die New Wave Of British Heavy Metal-Götter Diamond Head wie Motörhead aufkommen. Zumindest von Motörheads Personalaufteilung und Gesichtsbehaarung zeigen sich auch Ranger aus Helsinki beeinflusst: Schnauzbart-Träger und Sänger Dimi Pontiac zupft – wie Lemmy - nebenbei auch den Bass. Musikalisch jedoch stehen hier eher die Thrash-Giganten von Slayer, Exodus sowie der Speed Metal von Exciter Pate, was sich in Tempolimit-Brechern mit zuweilen gellendem Schreigesang entlädt. Mehr metallische Dresche im Sinne der frühen Metallica, Megadeth sowie Overkill und Anthrax setzt es indes bei Lost Society aus Jyväskylä. Hier geht es zu hämmerndem Doublebass-Schlagzeug, mähenden Gitarren und schön schnoddrig gebelltem Gesang von Frontmann und Gitarrist Samy Elbanna authentisch heftig zur Sache.



Wie man sehen und hören kann, sind in Finnlands Metal-Szene die Uhren momentan unwiderruflich zurück gestellt. Und bei einer derart authentischen Aufbereitung ist es auch völlig egal, dass sämtliche Protagonisten ihre favorisierte Ära de facto allerhöchstens im Kindergarten-Alter miterlebt haben. Zumindest ist somit auch in Zukunft dafür gesorgt, dass die Achtziger wohl unweigerlich und auf ewig das goldene Zeitalter des Heavy Metal bleiben werden.


Frank Thiessies ist freier Journalist, Mitarbeiter des Metal Hammer und Co-Autor des Buches „Rock & Metal: Die Chronik des Krachs“


Die Bands:

Reckless Love: Webseite, Facebook, Spotify

Santa Cruz: Webseite, Facebook, Spotify

Shiraz Lane: Facebook, Spotify

Speedtrap: Facebook, Spotify

Ranger: Facebook, Spotify

Lost Society: Facebook, Spotify


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