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Indie aus Finnland

Finnland steuert momentan mit großen Schritten auf die dunkle Jahreszeit zu. Die landeseigene Musikszene zeigt sich allerdings unbeeindruckt davon und erlebt stattdessen gerade ihren eigenen Indie-Frühling.

Finnland steuert momentan mit großen Schritten auf die dunkle Jahreszeit zu, die sich bekanntermassen schwer über ganz Skandinavien legt. Diese deprimierende Tatsache könnte den einen oder anderen schnell in den Winterschlaf treiben. Die landeseigene Musikszene zeigt sich allerdings unbeeindruckt davon und erlebt stattdessen gerade ihren  eigenen Indie-Frühling. Ganz richtig, Indie. Finnland hat nämlich einiges mehr zu bieten als wuchtigen Heavy Metal oder Punk, die besonders international gesehen als Aushängeschilder des Landes gelten. Ein paar Ausreißern wie HIM, The Rasmus oder auch Sunrise Avenue gelang bereits in der Vergangenheit der kommerzielle Durchbruch im radiofreundlichen Format.

Dass die finnische Indie-Kultur jedoch deutlich mehr kann, beweist aktuell eine Reihe an Künstlern, die sich aufgrund ihrer Vielfältigkeit mehr und mehr vom lokalen Nischendasein verabschieden. Der Blick hinauf in den Norden lohnt sich. Das erkannte auch die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals und setzte mit Finnland zum ersten Mal einen thematischen Länderschwerpunkt. Black Lizard aus Helsinki reisten dafür mit ihren zwei Alben Black Lizard (2013) und Solarize (2015) an, auf denen ihr teils flirrender, teils berstender Psychedelic-Rock immer wieder die Tür zu Größen wie The Brian Jonestown Massacre aufstößt. Anton Newcombe, der Kopf der Band, produzierte gar das Debüt des finnischen Psychedelic-Nachwuchses mit, der inmitten all der Klangexperimente die Melodie stets in den Fokus des Schaffens rückt.


Derweil schickt uns der hochgewachsene, blonde Jaako Eino Kalevi luftige, moderne Elektro-Popsongs aus seinem Heimstudio in Helsinki und fügt dem Ganzen eine Prise Funk hinzu. Den Beruf des Straßenbahnfahrers hat er mittlerweile an den Nagel gehängt und fährt seit seinem Umzug nach Berlin lieber in der Spur des ambitionierten Soundtüftlers. Ein Hauch von Disco-Grooves und seine Liebe zu Synthesizern prägt das Werk des Finnen, der die Instrumente auf seinen Platten gerne in Eigenregie einspielt. Seine Kollegen von French Films, die sogar schon Muse supporten durften, gelten dagegen wohl als grösste Hoffnung des finnischen Indie-Rock. Eingängige Gitarrenriffs gepaart mit jugendlicher Energie und diversen Ausflügen zum Surf- und Garage-Rock lassen die Band ziemlich sicher jeden müden Haufen Kids aufrütteln und zum Schwitzen bringen. Wer braucht da noch finnische Saunen?


Cats On Fire
oder auch Burning Hearts drosseln das Tempo und haben sich lieber dem gemässigteren Indie-Pop mit Hang zur Melancholie verschrieben. Hinter beiden Bands steckt der Multi-Instrumentalist Henry Ojala, der so seiner Vorliebe für verträumte Songs gleich doppelt nachgeht. Auf einem Traum basiert auch das letzte Album Blown Away (2014) des finnischen Synth-Pop-Duos Sin Cos Tan, dessen Storyline sich dem American Dream widmet und musikalisch tief in die 80er Jahre Retro-Trickkiste greift, inklusive Pathos, Falsettgesang und allerhand melodischem Gespür. Mit ganz anderen Mitteln fordert dagegen die Sängerin Manna mit finnisch-algerischen Wurzeln ihre Zuhörer heraus. Neben Blues-Einflüssen, dynamischem Pop und verletzlichen Balladen sorgt sie zudem mit durchdringenden Rock-Hieben und ihrer klaren Stimme für Abwechslung im Indie-Kosmos Finnlands.


Das Trio Sans Parade steht diesem Anspruch in nichts nach. Ambitionierte, orchestrale Arrangements ziehen sich durch ihre Songs, für deren Aufnahmen regelmäßig Verstärkung in Form von Gastmusikern ins Studio geholt werden muss. Frontmann Markus Perttula formt seine vom Post-Rock und Pop geprägten Stücke unter dem Einsatz von Cellos, Bläsern, aber auch Synthesizern zu üppigen Klanglandschaften. Satellite Stories aus Oulu verlassen sich bei ihrem musikalischen Streben währenddessen ganz auf sich selbst und avancieren mit nunmehr drei Alben zu einer der beliebtesten Indie-Pop Bands ihres Landes. Vergleiche mit Two Door Cinema Club finden sich in ihrer Bandgeschichte ebenso wieder wie Höchstbewertungen ihres letzten Albums Vagabonds (2015) in den heimischen Medien und eine ausverkaufte Show in London.


In Finnlands Indie-Szene herrscht zur Zeit also ein wahrer Hochbetrieb. Wer den Blick immer nur auf die amerikanischen oder britischen Indie-Exporte wirft, verpasst mit ziemlicher Sicherheit eine Menge spannender Künstler, die ihren Kollegen in Übersee scheinbar immer größere Konkurrenz machen. Die genannten Acts stellen dabei nur einen kleinen Ausschnitt dessen dar, was Finnland insgesamt zu bieten hat.


Annett Bonkowski ist Musikwissenschaftlerin und zur Zeit als freie Autorin u.a. für Medien wie INTRO, NBHAP und gaesteliste.de tätig.

Die Bands:


Black Lizard: Facebook, Spotify
Jaako Eino Kalevi: Webseite, Facebook, Spotify
French Films: Facebook, Spotify
Cats On Fire: Webseite, Facebook, Spotify
Burning Hearts: Webseite, Facebook, Spotify
Sin Cos Tan: Webseite, Facebook, Spotify
Sans Parade: Webseite, Facebook, Spotify
Satellite Stories: Webseite, Facebook, Spotify

 


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