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Direkt aus dem DIY-Handbuch – 20 Jahre Fonal Records

Es drehte sich alles um das Label, im wahrsten Sinne des Wortes.

Es drehte sich alles um das Label, im wahrsten Sinne des Wortes.

Mitte der 1990er Jahre hatte der Mittzwanziger Sami Sänpäkkilä aus der kleinen Stadt Ulvila eine Kassette voller Musik aufgenommen, die so experimentell war, dass es in Finnland kein Label gab, in dessen Katalog diese Musik gepasst hätte.

„Als die Labels sich weigerten, die Kasette zu veröffentlichen, beschloss ich, es selbst zu tun. Dann bemerkte ich, dass es kein Vermögen kostete einen Haufen Kassetten zu machen, um sie Freunden auf der Strasse und an Konzerten zu verkaufen," erinnert sich Sänpäkkilä.

„Nicht, dass ich dabei war ein Label zu eröffnen, ich musste mir einfach einen Namen für das Cover einfallen lassen. Der Glaubwürdigkeit wegen."

Ein Wort, fünf Buchstaben. Fonal.

Ein paar Jahre später hatte Sänpäkkilä bereits mehrere hausgemachte Fonal-Kassetten und 7" Singles mit Musik veröffentlicht, die von ihm und seinen Freunden stammte, als er in der Sommerhütte seiner Freundin Laura Naukkarinen (bald bekannt unter dem Namen Lau Lau) den aufstrebenden Musiker Janne Laurila traf. Laurila spielte seinen neuen Song auf der Akustikgitarre.

„Lass uns seine Platte machen,” sagte Sänpäkkilä.

„Eine CD!”

Als die ersten beiden Fonal-CDs – die Kultdebütalben von Laurilas Band Office Building und Sänpäkkiläs Kiila – die Kosten abbezahlt hatten, machte Fonal einen grossen Schritt in Richtung echtes Label anstatt nur fünf Buchstaben auf einer Plattenhülle zu sein.


Lau Nau: Valohiukkanen (2012)


20 Jahre nach der ersten Kasette ist Fonal ein allerseits bekanntes Indielabel in Finnland. Direkt aus dem DIY-Handbuch.

Sänpäkkilä hat das Label die ganze Zeit selbst geführt – bis auf zwei Monate in den frühen 2010er Jahren, als er einen Freund als offiziellen Angestellten hatte, der Platten masterte, Promoemails, CDs und Schallplatten weltweit verschickte.

Aber allgemein ist die Dimension seines Business so klein gewesen, dass es eine ästhetische Wahl zu sein scheint. Sänpäkkiläs Haltung gegenüber dem Unternehmertum war beinahe widerwillig: von 2001 bis 2006 war Fonal offiziell ein Nebengeschäft der Firma von Sänpäkkiläs Vater.

„2001 wollte Playgroud Music (ein wichtiges Indielabel und ein Vertrieb, der in Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen aktiv ist) Fonal in ihren Vertrieb aufnehmen, aber dafür brauchten wir eine Business-ID. Deswegen musste ich einen Nebengeschäftsname starten. Seit 2006 ist Fonal eine eigenständige Firma."

Dennoch sagt Sänpäkkilä, dass er in der Mitte der Nullerjahre seinen Lebensunterhalt mit Fonal verdient hat: Das goldene Zeitalter des Labels. 

Zu dieser Zeit bejubelten international Medien wie Pitchfork das “New Weird Finland”, und Fonal-Künstler wie Kemialliset ystävät, Paavoharju und Islaja. Finnland andererseits schwärmte über seinen neuen Indieboom, dessen Eckpfeiler aus Risto und Tv-resistori bestanden – beide gehören zu den am zugänglichsten Fonalbands überhaupt.

„Ich musste nichts Anderes tun. Die Platten verkauften sich gut und da war eine neue Generation, die fantastische Songs schrieb. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass die Mitte der Nullerjahre als das goldene Zeitalter des finnischen Untergrunds in Erinnerung bleiben wird, so wie wir heutzutage die späten 60er Jahre mit Bands wie Suomen Talvisota 1939-40 betrachten."

„Ich habe darauf gewartet, dass ein Untergrundphänomen entsteht, und momentan sieht es so aus, als ob Hip Hop die neue, florierende DIY-Subkultur Finnlands ist."
 

Tomutonttu: Tomutonttu (2009)

Aber dann kam Spotify. 2010 bemerkte Sänpäkkilä, dass sich alles verändern wird. Während der davorliegenden drei oder vier Jahre waren Fonals Verkäufe auf ein Zehntel der vorherigen Menge gesunken.

„Spotify ist ein Riesensprung für Musik im allgemeinen, aber nicht für jene, die Musik lieben. Mit ihnen meine ich Leute, die ein physikalisches Produkt besitzen und ihr Geld den Künstlern und Labels geben wollen," sagt Sänpäkkilä.

2016, wenn Fonal sein 20-jähriges Bestehen feiert, wird das erste Jahr sein, in dem das Label keine einzige Veröffentlichung hat.

„Es ist ein grosser Wendepunkt. Seitdem Plattenläden verkümmert sind, habe ich noch drei Vertriebe von den zehn, die ich früher hatte. Und diese Drei sind nicht allzu sehr daran interessiert, solch obskurer Musik ihre Ressourcen zur Verfügung zu stellen."

Es gibt zwei Möglichkeiten für ein Indielabel in Finnland, sagt Sänpäkkilä.

Eine ist das Volumen zu maximieren und pro Jahr Dutzende Platten zu veröffentlichen – wie es Svart Records tut. Die andere ist es ein paar wenige Schallplatten in Auflagen von 100-300 Stück zu veröffentlichen und die Feldarbeit zu maximieren: Mit einem Ein-Personen-Vertrieb, der Platten an Konzerten und überall sonst verkauft -  wie es das experimentelle Punklabel Joteskii Groteskii tut. Und natürlich könnte man digitale Veröffentlichungen haben.

„Ich verkaufe immer noch mehr CDs als Schallplatten aber die Richtung geht dahin, dass man entweder an Konzerten Schallplatten von Hand zu Hand an verkauft, oder man geht digital. Ich war nie interessiert an digitaler Musik und ich habe auch nicht mehr die Zeit, an Konzerten rumzuhängen. Deswegen sitze ich nun in der Klemme."


Paavoharju: Laulu laakson kukista (2008)

Aber Sänpäkkilä ist nicht verbittert, sondern eher dankbar und verwirrt ob all der Bewunderung und Aufmerksamkeit, die seiner „obskuren und oft instrumentalen auf Spielzeugen gemachte Musik" über die Jahre zuteilwurde.

Und nein, trotz des Schaltjahres werdet ihr keine Pressemitteilung sehen, die sagt, dass Fonal stillgelegt wird. Sänpäkkilä will nicht um “letzte Tränen” betteln.

Das Label wird weiter seinen eigenen Lauf nehmen. Was dann passiert? Das weiss keiner.

„Ich mochte das Neil Young-Zitat nie. Weil es ok ist, zu verschwinden."

An der Tampere Biennale (13.-17. April 2016) gab es Fonal Shows und Klubnächte um die zwanzig Jahre des Labels zu feiern. Nebst den hundert Veröffentlichungen, was sieht Sänpäkkilä nach zwei Dekaden als das Erbe von Fonal?

„Ich würde mir wünschen, dass die Leute wissen was man mit wenig Geld tun kann. Ristos Debütalbum kostete etwa 49 Euro in der Herstellung und wurde auf meinem Boden gemastert, mit einer Software, die schon nur 15 Minuten zum Laden brauchte. Paavoharjus Debüt wurde mit einem Schrottcomputer gemacht, der jede Aufnahme mit Geräuschen versah. Aber als sie diesen Geräuschen Echo hinzufügten, wurde daraus plötzlich Musik," sagt Sänpäkkilä.

 „Ich erinnere mich daran was für ein Schlüsselerlebnis es vor 20 Jahren war Circle in Pori spielen zu sehen. Ich verstand, dass es immer einen Weg gibt wirklich alles zu tun, was du willst. Das ist etwas, das ich den Leuten gerne zeigen will."


Autor: Oskari Onninen




 
 





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