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Der Norden in der Musik

Wie beeinflusst Finnlands Breitengrad die Kreativität von MusikerInnen, ästhetisch so wie politisch? Andrew Mellor befragte einige FinnInnen, Nicht-FinnInnen und Beinahe-FinnInen.

Wie beeinflusst Finnlands Breitengrad die Kreativität von MusikerInnen, ästhetisch so wie politisch? Andrew Mellor befragte einige FinnInnen, Nicht-FinnInnen und Beinahe-FinnInen.
 

Outi Tarkiainen (Finnland) 

Komponistin


Ich trage diese fundamentale Sehnsucht nach den nördlichsten Regionen in mir. Eine der Treibenden Kräfte in meinem kreativen Schaffen ist das Gefühl des Vermissens oder wohin zu gehören, wo ich nicht bin. Ich habe meine neusten Werke hauptsächlich in Paris und Berlin geschrieben; Ich sass auf meinem Balkon, und dachte an einen Ort 3000 Kilometer weiter nördlich. Natürlich geniesse ich es in grösseren Städten zu sein und fühle, dass es nötig ist regelmässig neue kulturelle Impulse von ihnen zu erhalten. Aber wenn man aus Lappland ist, hat man sein Herz an diesen Ort verloren. Es gibt auf Finnisch sogar ein Sprichwort: Lappland nimmt einem gefangen, und lässt einen nicht wieder los.

Ein finnisch-schwedischer Schriftsteller sagte, dass eine Person, die an einem abgelegenen Ort lebt während ihrem Leben vielleicht 2000 Personen trifft, aber die Person hat ein Bild und eine Erinnerung an jede und jeden von ihnen. In einer grossen Stadt kann man jeden Tag 2000 Leute treffen, aber man weiss nicht wirklich etwas über sie. Auf eine Art ist es im Norden auf die Kreativität bezogen dasselbe: KünstlerInnen treffen sich und sind daran interessiert, etas zusammen zu tun. Die Möglichkeiten sind gegeben.

In Rovaniemi, wo ich momentan lebe, ist die Antwort des Publikums wirklich ehrlich, weil die Publikumsmitglieder nicht so voller verschiedener Impulse sind. Ihre Reaktionen zu neuer Musik sind viel offener; sie sind neugierig zu zuhören. Das ist sehr dankbar, aber auch etwas, worüber man nachdenken kann, wenn man komponiert.

David Harrington (USA)

Gründer, Künstlerischer Leiter und Geiger, Kronos Quartet


Auf gewisse Weise erinnert mich der Norden an Australien; es gibt eine Fähigkeit, dass was im Rest der Welt passiert zu betrachten, und genug weit vom Trubel entfernt zu sein um Dinge zu verinnerlichen. Ich erinnere mich an das erste Mal, als Kronos nach Australien ging; Ich gab Interviews, und diese Journalisten wussten mehr über amerikanische Musik als irgendjemand in Amerika! Sie konnten es sehen – alle Besonderheiten und Details. Ich habe das Gefühl, dass etwas Ähnliches auch in den nordischen Regionen passiert; es gibt Klarheit, und es scheint Zeit für das Denken und Absorbieren zu geben. Hat es damit zu tun, dass der Winter dunkler und länger ist als anderswo? Vielleicht.

Die Musik des Nordens hat auch ein Gefühl der Klarheit, sowie der Reinheit und Leidenschaft. Ich weiss nicht ob es daran liegt, dass man den ganzen Winter drinnen eingepfercht ist; vielleicht führt das dazu, dass man alle möglichen Wildheiten herauslassen will. Vielleicht ist es das Licht; vielleicht die Nordlichter. Ich weiss es nicht. Aber ich kann diese aussergewöhnliche Klarheit und Leidenschaft in Werken hören, die von Pelle Gudmundsen-Holmgreen, Aulis Sallinen, Kaija Saariaho, Jan Mortenson, Cecilie Ore, Kimmo Pohjonen, und Karin Rehnqvist für Kronos geschrieben wurden. Und auch in den Bands, deren Musik wir gespielt haben, wie Sigur Rós un Triakel.

Sara Pajunen (USA/Finnland) 

Geigerin, Aallotar Duo



Die Idee der Verbundenheit mit der Natur ist in der nordischen Region sehr stark. Es ist eine Lebensweise zu der ich mich wirklich hinzugezogen fühle, sie spricht mich an und sie funktioniert für mich künstlerisch gut. Das Klima – das Sonnenlicht, oder dessen Abwesenheit, oder einfach wie der Himmel ist -  es fühlt sich anders an im Vergleich zu von woher ich komme, und besonders unterschiedlich zu anderen Orten, an welchen ich gelebt habe oder an welche ich gereist bin. Die Natur und das Klima beeinflussen die kulturelle Mentalität, und die Art und Weise wie sich die Leute gesellschaftlich verhalten.

Für mich geht es in der Natur des Nordens um Offenheit; man kann die Klänge der natürlichen Welt hören, und man kann ein Gefühl des Friedens, der Schönheit und der Ordnung darin finden. In Finnland lebt das innerhalb der Kultur. Es lebt natürlich in jedem Menschen, aber ich fühle es in Minnesota oder irgendwo sonst in den USA nicht so, wie ich es in Finnland spüre. Die Finnen haben das Land immer geschätzt, und wie wir wissen, braucht es eine sehr lange Zeit, damit sich durch die Generationen hinweg etwas verändert – innerhalb derselben Kultur und selbst in der Distanz. Hoffentlich wird diese Veränderung nie passieren, und die Finnen werden die Natur immer nah an ihren Herzen tragen.

Zudem gibt es so viel Dunkelheit und so viel Licht, weil Finnland so nördlich liegt. Man begibt sich an düsterere Orte, wenn es dunkler ist. Wir müssen etwas tun, um sich um die Dunkelheit in uns zu kümmern. Entstammt Kreativität aus der Dunkelheit? Heilt oder hilft Dunkelheit? Viel kraftvolles Arbeiten kommt aus diesem Zyklus; es imitiert den manisch-depressiven Zyklus, den viele KünstlerInnen erfahren, sie haben ihre Höhen und Tiefen. Ich kann mir nicht vorstellen an einem Ort in der Nähe des Äquators zu leben, wo es immer die gleiche Lichtmenge gibt. Es gibt nichts, dem man antworten könnte. Aber in mir fliesst hauptsächlich finnisches Blut, und vielleicht beeinflusst das meine Vorlieben und Art des in der Welt Seins!
 

Annika Lindskog (Schweden)

Dozentin, Department of Scandinavian Studies, University College London


Einerseits habe ich nicht das Gefühl, dass es etwas Handfestes gibt, dass darauf hinweist:Je weiter nördlich man geht, desto mehr Kreativität gibt. Aber andererseits, denke ich, dass die einen umgebende Geografie und das Klima irgendwie das Resultat des kreativen Prozesses beeinflussen. 

Kommunikation hat die Dinge verändert. Die Welt entwickelt sich, und wir nähern uns einander immer mehr an, etwas, das den Norden Finnlands und Schwedens auf jeden Fall beeinflusst hat. Man muss nicht mehr nach Helsinki oder Stockholm gehen um eine Oper zu sehen; es gibt in den nördlichen Regionen Institutionen, die MusikerInnen ausbilden können, die zuvor vielleicht nach Deutschland hätten reisen müssen.

Schwedens Kompetenz in populärer Musik hat sich möglicherweise aus den „Studienkreisen“ ergeben, als der Staat kleinen Gruppen Geld gab, um einen Proberaum und Instrumente zu mieten. In Finnland hat die Chortradition vielleicht das selbe erreicht: Eine grosse Anzahl Menschen ins Musizieren zu involvieren, und eine Basis zu erschaffen, auf Grund welcher sich die Leute weiterentwickeln können.

Das Publikum hört auf verschiedene Arten zu. Ich habe für eine Weile im ländlichen Wales gelebt; ein Typ lud immer wieder Bands aus London ein, die er kannte – das war die einzige Livemusik, die es gab. Ich habe mir sehr viel Musik angehört, die ich selbst nie ausgesucht hätte. Dieser Prozess hat Auswirkungen auf die ländlichen Gemeinschaften, wo es nicht viel Musik gibt. Das Publikum passt sich an. Wenn man in einer dichtbevölkerten, urbanen Gegend lebt, kann man sich aussuchen, was man hört; wenn man an einem ländlichen Ort Musik spielt, wo die Leute einfach zum Zuhören kommen, weil nichts Anderes los ist, bekommt man eine viel direktere Herangehensweise, und auch eine viel weniger von Vorurteilen geprägte. Die Leute kommen, weil es die einzige Möglichkeit ist; ergo werden sie einer grösseren Bandbreite an Musik ausgesetzt. Und das resultiert in Treibstoff für mehr Kreativität in neuen Richtungen.

 

Sid Hille (Deutschland/Finnland)

Komponist, Pianist, Dirigent



Ich habe mich immer für Stille interessiert – insbesondere die Stille des Geistes, des permanenten Gedankenwälzens. Ich reiste zum ersten Mal im Winter 1995 nach Lappland. Ich war mitten im Wald, der Schnee reflektierte das wenige vorhandene Licht, und es herrschte komplette, absolute Stille. Es ist ein fantastisches Phänomen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden nicht beeinflussen kann. Ich glaube, je weiter nördlich man geht, desto bewusster wird man sich dessen.

Meine Musik hat es auf jeden Fall beeinflusst. In der Temppeliaukio-Kirche, wo ich regelmässig Klavierkonzerte spiele, kann man mit einem leichten Klang den ganzen Raum füllen; dann verlässt man diesen Klang und lässt ihn zurück in die Stille treiben. So wird der Dialog zwischen selbst dem leisesten Klang und der allumfassenden Stille viel ausgeprägter.

Ein Aspekt, der sich für mich als Deutscher sehr anders anfühlt, ist der Stolz der Finnen auf ihre kulturellen Wurzeln -  vielleicht kommt das vom finnischen Kampf um Unabhängigkeit von Russland, in welchem Kultur eine wichtige Rolle in der Erschaffung der finnischen Identität spielte. Es scheint, als ob es den Leuten erlaubt ist auf ihre Traditionen und Nationalität stolz zu sein; sie machen nicht viel Aufheben um sich selbst, aber sie können sagen „Finnland ist grossartig“, während es in Deutschland andersherum ist. Ich denke, das ist eine gesunde Herangehensweise, weil man seine Wurzeln akzeptiert; man kann sie nutzen und ihre musikalischen Traditionen erforschen, und es ist ok.

Autor: Andrew Mellor ist ein Freelancejournalist und Kritiker, der sich besonders für die Musik und das kreative Leben in Finnland und den nordischen Ländern interessiert. Er lebt in Kopenhagen und schreibt regelmässig für FMQ, Gramophone, Klassik, Opera Now, The Strad und die Record Review Show der BBC.
 
Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch im Finnisch Music Quarterly FMQ


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