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Braucht Finnland noch einen Sibelius?

Zum 150. Jubiläum von Jean Sibelius (1865–1957) zeigt Finnland, wie der Mensch einfach nur glücklich sein kann – musikalisch

‘Mehr Finnland wagen!’ Dieser Imperativ kam mir in den Sinn, als ich Mikko Missis Präambel zu einer Veranstaltung der Finnischen Botschaft in Berlin hörte. Missi sprach von der Angst des finnisch-schwedischen Modernisten Einar Englund (1916–1999) vor einem für seine Generation hinderlichen „Schatten von Sibelius“: Sibelius stünde im vollen Licht, während seine finnischen Nachfolger kaum beachtet wurden. 

Sibelius’ Fähigkeiten als Publikumsflüsterer sind bekannt, und ich lobe die Courage derjenigen, die es gewagt haben, den Schatten zu verlassen, denn ein Schatten (bspw. Windschatten) spendet auch Schutz. Wer im Finnland des 20. Jahrhunderts (insbesondere vor den sechziger Jahren) seinen eigenen „finnischen Stil“ gesucht hat, verdient tatsächlich Respekt. Einfacher wäre es gewesen, an Sibelius’ Erfolg anzuknüpfen, was wiederum erstaunlich selten versucht wurde.

Ich stand unter dem Einfluss von Sebastian Schoepps Mehr Süden wagen (2014). Schoepp meint, dass wir wieder Courage zu mehr Süden finden sollten. Schoepps Buch enthält auch eine volkswirtschaftliche Pointe, aber primär geht es um die Inspiration durch den Süden. Faszinierend an Europa ist ja, dass alle Windrichtungen günstig sind. Alle Regionen haben eigene Stärken. 

Immer wieder hilft mir Malene Vest Hansens Begriff des „Nordischen Horizontalismus“ (2002) dabei, Finnland zu verstehen. Hansen stellt dar, wie und warum in der neuen Nordischen Avantgarde der Alltag zum Kunstgegenstand wird. Im „Nordischen Horizontalismus“ wird die Kunst vom Alltag durchdrungen. Eine Erklärung des Finnisch-Nordischen Lebensglücks könnte also sein, dass auch der Alltag künstlerisch durchdrungen ist – etwa durch besonders hochwertiges und weit verbreitetes Industriedesign. 

Handwerk und Hingabe

Finnlands musikalisches Glück beruht auf Früherziehung, Spezialklassen (integriert in normale Schulen) und einem dichten Netz aus Orchestern und Chören. Es gibt zudem eine Handvoll weltweit bekannter Ensembles und Spitzenausbildung in vielen Sparten, auch für Folk- und Rockmusik. Alles ist modern, mehrfach reformiert und durchdacht.

Obwohl heutzutage auch in Finnland schlechte Wirtschaftsnachrichten keine Seltenheit sind, wirken nur sehr wenige Menschen (besonders im Ausland) besorgt. Finnland scheint die Menschen aus der ganzen Welt glücklich zu machen, egal ob sie die Musik oder Kunst des Landes genießen, seine Küchenscheren oder Telefone benutzen oder finnische Computerspiele spielen. 

Dabei wurde Finnlands Elite noch nie durch einen solchen relativen Wohlstand verwöhnt, wie die Edlen des Mittelmeers. Nur Geschäftssinn und andere moderne Arten vom Geschick, die jede Generation erst mal lernen muss und die Gemeinschaftsbildung grundlegend voraussetzen, bringen unter solchen Umständen nachhaltige wirtschaftliche Erfolge. 

Finnisches Handwerk ist berühmt. Auch Musik, ein besonders komplexe Kunst, wurde parallel zur technischen Revolution als typisch finnisches Handwerksgut entdeckt. Handwerk und Musik blühen, wenn Menschen freiwillig arbeiten und von der Arbeit gemeinsam profitieren.

Handwerk und Rationalismus können eine Kultur wiederum austrocknen. Der gesunde Mensch braucht Mythen, Religionen, Ideologien sowie intensives Nachdenken über die Vergangenheit, ansonsten entwickelt sich eisiger Modernismus. Finnen fürchten sich nicht vor Modernität, Romantik beäugen sie eher skeptisch. Es war folgerichtig, die finnische Kultur während der Vorbereitungen zur Frankfurter Buchmesse 2014 mit dem Slogan „Finnland. Cool.“ zu bewerben; „Finnland. Leidenschaftlich.“ hätte nicht gepasst. Aber Finnland muss darauf achten, dass es nicht immer cooler wird.

Die finnischen Methoden, aus dem kleinen Volk das Äußerste herauszuholen, sind jedenfalls gut durchdacht. In Deutschland etwa verlassen sich viele Schulen (sogar solche für Hochbegabungen) auf importierte Talente und/oder auf die strategischen Bemühungen der Familien. Anstelle von Laissez-faire existieren in Finnland Mechanismen der Frühförderung Aller, die zum besseren Leben beitragen wollen und verstehen, was dazu benötigt wird: Hingabe. Die Gesellschaft, nicht die Familie, trägt die Verantwortung, Pädagogen sind prominenter als Geologen. Begabung wird überall gesucht. Das lohnt sich, denn sie ist die wertvollste Naturressource. Egal wie viel ein Barrel Nordseeöl irgendwann wieder kosten wird, Begabung ist viel wertvoller. 

Wer profitiert von der ‚Best Practice’?

Jan Brachmann hat darauf hingewiesen, dass Sibelius groß wurde, bevor die finnische Musikerziehung ‚the best in the world’ wurde, wie Alex Ross in The New Yorker 2005 konstatierte. Hinzu kommt, dass etliche besonders kompetente Finnen das finnische System und sogar die Verwandlung der Sibelius-Akademie von einem Konservatorium zu einer Art Fakultät der Universität aller Künste (2013) heftig kritisieren. 

Doch staatliche Schulen aller Art können eigentlich nur für den Durchschnitt optimiert werden. Sie sollten versuchen, das Umfeld des guten Durchschnitts zu erweitern und das musikalische Glück mit dem ganzen Volk zu teilen. Das Verwöhnen der absoluten Spitzenbegabungen ist in Finnland zweitrangig. 

Wer ungeduldig fragt, wie lange es noch dauert, bis wieder ein/eine Sibelius geboren wird, muss bedenken, dass Finnland zu dünn besiedelt ist, um während eines Jahrtausends allzu viele Sibeliusse hervorzubringen. Aber wenn ein/eine Sibelius geboren wird (und womöglich ist das schon geschehen!), helfen ihm/ihr von Anfang an bestens trainierte Musiker – auch wenn er/sie außerhalb der Hauptstadtregion leben sollte. 

Brauchen wir Berühmtheiten?

Doch wie verzweifelt benötigt das Land neue Sibeliusse? Hat es nicht genug zu exportieren? Einige von Jean Sibelius’ Zeitgenossen (die im „Schatten“ und mit weniger wohlklingenden Namen) würden viel mehr Aufmerksamkeit verdienen als der Weltmarkt zu generieren scheint. Uuno Klami, Leevi Madetoja, Erkki Melartin, Aarre Merikanto und Väinö Raitio etwa haben Musik komponiert, die viel interessanter ist, als manches von Sibelius. Dasselbe gilt für die Komponisten von heute. Deshalb möchte ich den Markt bekämpfen und „mehr Finnland“ fordern, mehr als die üblichen finnischen Highlights!

„Mehr Finnland“ zu wagen bedeutet für mich, finnische Themen zu behandeln, auch wenn ihr global-akademischer oder auch nationaler Wert zunächst gering scheint. Deshalb initiierte ich aufwendige Studien zur Friedrich Pacius (1809–1891), obwohl er kaum Finnisch sprach (dafür aber Schwedisch), in Hamburg geboren und von Spohr in erster Linie als Geiger ausgebildet wurde – also eine kulturelle Zwittergestalt und somit politisch problematisch. Pacius ist dennoch ein zentrales Puzzlestück der finnischen Musikgeschichte, nicht zuletzt als Komponist der finnischen Nationalhymne.

Vergesst die Superlative!

Ich werde angesichts der Frage, ob das finnische Musikerziehungssystem heute „the best in the world“ sei, nervös. Meiner Meinung nach passt das Image vom intakten Mikrokosmos besser zu Finnland als das vom epochalen Weltmeister irgendeiner Disziplin. Finnland hat jetzt schon das gesunde Image einer fruchtbaren Oase der Bildung, Kunst und sozial-progressiven Zivilisation. Das sollten wir würdigen, anstatt zu fragen, ob einer von den heutigen Finnen der neue Sibelius sein könnte – oder ob etwa die Colourstrings-Methode wirklich alternativlos ist, um Violine als Vorschulkind zu lernen. 

Wir, die sogenannten Ausländer und Expatrioten, tragen eine besondere Verantwortung. Wir müssen darüber reden, wie gut insbesondere „mehr Finnland“ (anstelle von überdosierten Highlights) uns allen tun würde. Trivial ‚schwarz-weiß’ sind Fragen wie „was ist finnisch“ oder „wie erkennen wir finnische Musik“. Es gilt, die Musikökologie Finnlands zu zelebrieren, statt nach Weltmeistern und „echter Identität“ zu suchen! Dazu zählt auch die Art, wie viele Finnen die jüngere Musikgeschichte Europas aufgepeppt haben.

Beim Hören von Richard Wagners Musik verspürte Woody Allen in Manhattan Murder Mystery (1993) den Wunsch, „Polen erobern zu wollen“. Sibelius müsste ihn eigentlich national-defensiv stimmen; so wirkt das „Lied von Mélisande“ aus Sibelius’ Pelléas und Mélisande in Jazz Singer (1927) als Hintergrund für Überlegungen zur ethnisch-kulturellen Identität des schwarz geschminkten jüdischen Jazz-Sängers Al Jolson. Musik sollte nicht voreilig mit Waffen oder mit irgendwelchen Grenzen in Verbindung gebracht werden, weder defensiv noch offensiv. Und schon gar nicht sollten wir Chauvinismus dort hinein interpretieren, wo es ihn nicht eindeutig gibt. 

„Coole“ Musik, frei von Hass, Vorurteilen, Blut und Boden, macht uns alle glücklich! 


Tomi Mäkelä, ist Professor für Musikwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Autor von (zuletzt erschienen) Sibelius, Saariaho und andere – neue Helden des neuen Nordens. 100 Jahre Musik und Bildung in Finnland (Olms 2014), Friedrich Pacius, ein deutscher Komponist in Finnland (Olms 2014), Jean Sibelius und seine Zeit (Laaber 2013) und in Englisch Jean Sibelius (2011); Übers. von „Poesie in der Luft“ von 2007, Preisträger von „Geisteswissenschaft international“ von 2008.

Dieser Artikel wurde ursprünglich im FMQ Finnish Music Quarterly veröffentlicht.


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